Jovan Rajs


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Hast du Hitler getroffen? Erzählungen von Judenhass und Rassismus.

”Im Frühling 1944 wurde ich mit mehr als 400 000 ungarischen Juden in die raucherfüllte Lagerwelt des Dritten Reiches entführt. Ich irrte durch Gettos, Sklavenarbeit und Konzentrationslager umher und kam davon dank etwas zu vielen unbegreiflichen Zusammentreffen.”

Hast du Hitler getroffen enthält sechs selbstbiographische Erzählungen über Rassismus und die Vernichtung. In Das gelbe Stückchen Stoff erinnert das Anblick eines Stückes Stoff den Verfasser an den Judenstern er einmal tragen musste. In Die Ährenleserinnen und das Angelusgebet verbringt er eine schlaflose Nacht im Bett seines eben verstorbenen alten Verwandten wo kurze, filmische Abschnitte verdrängte Erinnerungen visualizieren. Ein Glückstag in Bergen-Belsen schildert einen Tag in einem der schlimmsten Konzentrationslager, in der Perspektive eines elfjährigen Jungen. Hier passieren über sechzig namentlich genannte und richtig bezifferte Häftlinge Revue. Appell, Misshandlung, Tod, Ratten und Läuse mengen sich mit Gesang und Erinnerungen aus der Zeit des Friedens. In Hungarians’ Camp kehrt der Verfasser nach sechzig Jahren in den Lager, jetzt Forschungs- und Unterrichtsanstalt, zurück. Hier wächst die Einsicht hervor dass junge Deutsche für die Taten ihrer Eltern nicht getadelt werden können. Jagdsafari in Afrika weist nach, dass der Rassismus nicht einfach auf andere Länder und Zeiten bezogen werden kann. Hier steht Schwedens meist namhafte Serienmörder, der Lasermann, im Zentrum.

Jovan Rajs, emeritierter Professor der Gerichtsmedizin und alternder Überlebende, besucht häufig Schulen und erzählt vom Rassismus. Die Schüler stellen ihm viele Fragen existentieller Natur. Und fast immer fragt jemand: Hast du Hitler getroffen?

Unter den überlebenden waren es viele die das Endfazit der Vernichtung nicht verstanden, nicht akzeptierten. Anzeigen vom Typus

... meine kleine Schwester (oder ältere Schwester, Bruder, Mutter, Vater, Kind) ..., die so und so alt war und so und so aussah und laut Angabe in einen Güterzug mit Bestimmungsort Polen eingestiegen ist … in einen Lastauto unbekannten Bestimmungsortes … Wenn jemand weiss, wo sie/er sich befindet … oder wenn du selbst diese Anzeige liest … melde dich baldigst beim Unterzeichneten mit der Anschrift …

kamen noch mehrere Jahrzehnte nach Deutschlands bedingungsloser Kapitulation vor.

Und sie können noch immer Erfolg haben. Im Jahre 2003, zweiundsechzig Jahre nach der Zersplitterung der Familie, wurden die Geschwister Ruza und Beniet Shlamowitz mithilfe der Datenbank des Yad Vashem, Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Holocaust, wieder vereinigt. Sie überlebte das Getto in Warschau, Auschwitz und das scheussliche Frauenlager Ravensbrück, er war Soldat in der Rote Armée. Sie lebten in Israel, nur siebzig Kilometer von einander entfernt, beide davon überzeugt, dass kein anderer in der Familie überlebt hatte. Und die Geschwister Hilda und Simon Glasberg aus Rumänien sahen sich nach volle fünfundsechzig Jahren wieder. Inzwischen hatte sie in Usbekistan und Israel, er in Kanada gelebt. Es waren Hildas Enkel die sich entschlossen, Grossmama zu erfreuen und sich an Yad Vashem wandten. Das war im Jahre 2006. Wenn ich solche Notizen lese weine ich ungehemmt.

Jovan Rajs, geboren 1933 in Zrenjanin in Jugoslawien, hat beim Heranwachsen sowohl den Nazismus als auch den Kommunismus erlebt. Im Jahre 1968 siedelte er nach Schweden über. Ab 1986 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2000 war er Professor der Gerichtsmedizin am Karolinska Institutet in Stockholm. Seine Selbstbiographie Ombud för de tystade (Vertreter der zum Schweigen gebrachten) (in Zusammenarbeit mit Kristina Hjertén) erschien 2001. Zwei Jahre später erschien Fallet Osmo Vallo (Der Fall Osmo Vallo), wo Rajs einen der meist beachteten Rechtsfälle Skandinaviens untersucht. Im Jahre 2007 erschien Nordens farligaste kvinna (Die gefährlichste Frau des Norden), wo die Tätigkeit eines Rechtsmediziners in Mordermittlungen geschildert wird.


Rec.

Glaubenswürdige Erinnerung an das was geschehen ist.

In Rajs’ Erzählungen erscheint dieselbe sachliche Distanz wie bei dem Richter des internationalen Gerichts in Haag, der ebenfalls die Vernichtung als Kind überlebte und seine Biographie geschrieben hat damit die ermordeten im Gedächtnis gehalten würden. Rajs schreibt glaubwürdig, lebendig und hinreissend über schwere Themen. Er bittet nicht um Mitgefühl dadurch, dass er die Erlebnisse bemäntelt und in einer leichteren Form präsentiert. Man versteht, dass dies alles irgendwelchem hätte passieren können und dass es eine Pflicht ist, davon zu erzählen.
(Google-annonser)

Wirklich lebendig wird, paradoxerweise, sein Buch in den Darstellungen des Lagerdaseins – die Regeln die das Leben steuerten, alle scheinbaren Kleinigkeiten die das Überleben ermöglichten.

Auf diesen Seiten macht er weder Schriftstellerkursus noch tritt er als Zeuge und Lehrer vor Schülern auf. Sondern erinnert sich der grossen, rotbraunen Emailleschale in der der durchfallhervorrufende Gemüsebrei, der Essen genannt wurde, serviert wurde. Oder wie man am besten die Läuse, die einen unumgänglichen Teil des Lagerlebens waren, hantierte. Oder wie und über was man während des Appells redete. Oder die glänzenden Stiefel die von zwei weiblicher Kapos getragen wurden.

Rajs zeigt dass es darum geht, sich so unbeirrt wie möglich zu erinnern. In gewisser Hinsicht hendelt es sich um eine Vivisektion lebendigen Gewebes. Erklärungen und Zusammenhänge sind Sache der Anderen. Ein Zeuge hat nur eine Aufgabe: die Wahrheit zu sagen.
(DN)

Rajs schildert das Lagerleben in einer schlichten und fast heiterer Prosa, eine Schreibweise die die Lagerwirklichkeit – mit Läusen, Leichhaufen, Misshandlung, durchfallhervorrufender Suppe und verschimmelten Wolldecken – nur noch offensichtlicher und grausiger macht. In einem anderen Kapitel schreibt er über die Verheerungen des Lasermannes, wobei er eisige Verbindungen zwischen dem heutigen, keimenden schwedischen Rassismus und dem Judenhass der dreissiger und vierziger Jahren im Europa herstellt.
(SvD)

Heute besucht Rajs Schulen und hält Vorlesungen über seine Erlebnisse in den Lagern, was auch das Thema seines Buches Hast du Hitler getroffen? Erzählungen von Judenhass und Rassismus ist (eine Frage die öfters während der Vorlesungen auftaucht). Ziffern werden oft abstrakt und unpersönlich, unbegreiflich, besonders wenn sie sehr gross werden. Deshalb sind persönliche Erzählungen aus den Konzentrationslagern wichtig, weil man nur dann sich zu ihnen als Mensch verhalten kann. Jovan beschreibt in den Novellen sein Heranwachsen in einer jüdischen Familie in Jugoslawien, fröhliche und idyllische Erinnerungen, und wie die Familie während der deutschen Okkupation lebte, wenn Juden Mitbürger zweiter Klasse wurden (ein Stückchen Stoff erweckt in der Novelle Das Stückchen Stoff Erinnerungen daran wie sie gezwungen wurden, den Davidsstern öffentlich zu tragen). Es ist der Kontrast zwischen den idyllischen Erinnerungen und der Unmenschlichkeit, der bewirkt dass Jovans Erinnerungen berühren.

Auch im Konzentrationslager versuchte man ein menschliches Dasein zu schaffen, mit Gesang, Geistigkeit und Familienleben. Gleichzeitig wird die unmenschliche Wirklichkeit beschrieben, mit den knappen Rationen, der Sklavenarbeit, den brutalen Kollaborationisten (”Kapos” und ”Jupos”), den vielen toten, der Sprache (”Lagersprache”) die sich entwickelte, u.s.w.

Jovan bewegt sich in den Novellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, er beschreibt die seelischen Narben die sich ergeben wenn ein zehnjähriger Junge fast seine ganze Familie verliert, zur gleichen Zeit aber sich beschlossen hat, das Böse nicht gewinnen zu lassen. Viele Überlebende siechten dahin oder nahmen sich das Leben, aber Jovan hat bewusst gewählt, ein möglichst voller Leben zu führen. Er hat ferner nicht ein generalisierendes Denken übernommen und betrachtet nicht die jetzigen Deutschen als verantwortlich für das,was in den dreissigen und vierzigen Jahren geschah. Gleizeitig greift er die historischen Parallelen auf, in der Novelle Jagdsafari in Schweden, wo der ”Lasermann” beschrieben wird. Das Unwillen, die Menschlichkeit anderer zu erkennen, kommt zu verschiedenen Ausdrücken zu verschiedenen Zeiten.
(Kulturen)

Nachdem er [J. Rajs] die Selbstbiographie Ombud för de tystade (Vertreter der zum Schweigen gebrachten) in Zusammenarbeit mit Kristina Hjertén (2001), Fallet Osmo Vallo (Der Fall Osmo Vallo) 2003, und ein Buch über das Arbeit eines Gerichtsmediziners in Mordermittlungen publiziert hat, kommt der Verfasser jetzt zurück mit einem Buch über die Vernichtung der eropäischen Juden im Spiegel seiner eigenen Erlebnissen und Erinnerungen. Auf eine sehr hinreissende Weise erzählt er von seinen Kindheitserinnerungen aus Petrograd in der jugoslawischen Provinz Banat, und von den furchtbaren Erlebnissen im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Aber auch von seiner Tätigkeit in Schulen als Vortragender über die Vernichtung und von seinen Begegnungen mit neugierigen jungen Menschen. Das Buch enthält auch einen Abschnitt über die vom Fremdenhass bedingten Untaten des ”Lasermannes”. Das Buch eignet sich für alle Leserkategorien und dürfte als ”Nebenbeibuch” in der Geschichtsunterricht der Schulen verwendet werden können.
(BTJ)

Jovan Rajs’ neues Buch enthält fünf ”Erzählungen vom Judenhass und Rassismus”. Die stärksten sind ”Ein Glückstag in Bergen-Belsen” und der Aufsatz der den Buchtitel als Überschrift hat. In der ersten gibt der Verfasser eine detaillierte Schilderung von der Erlebnis eines elfjährigen vom Leben in einem Konzentrationslager. Trotz aller Widerwärtigkeiten – des Gedränges, des Schmutzes, der Kleiderläuse, des Hungers, des Sterbens um ihn herum – enthält jeder Tag seinen Anteil an kleinen Freuden unter die Menschen die er beobachtet und kennen lernt. (Sie erinnert mich an Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch.)

Nach seiner Pensionierung hat Jovan Rajs in Schulen umhergereist und über die Vernichtung vorgelesen. In den Fragestunden nach jeder Lektion haben die Schüler ihn gezwungen, die verschiedensten Fragen zu beantworten, u.a. die, welche der Buchtitel stellt. ”Hast du Angst davor gehabt dass du sterben würdest?” fragt ein kleines sommersprossiges Mädchen ... vom Typus Pippi Langstrumpf. – Kein bisschen, war die Antwort; ein elfjähriger denkt nicht an den Tod. Vielleicht war eben das die Ursache, dass er einen Tag im Lager als glücklich erleben konnte. Nur einmal brechen die Gefühle hervor: als er erfährt, dass seine ganze Familie vernichtet worden ist.
(Jönköpings-Posten)

Rajs’ Buch ist eine Erinnerung an das, was wir uns nicht erlauben können, zu vergessen. … wie Ideologie und kollektive Aktionen das Menschliche und Individuelle verwischen ... Rajs stellt die Opfer der Vernichtung als Menschen von Fleisch und Blut dar und rettet sie aus der Gesichtslosigkeit kalter Statistik.
(Östgöta Correspondenten)


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